„Autos und Deutschland gehören zusammen. Nirgendwo sonst auf der Welt hat die Entwicklung und Produktion von Automobilen eine so lange Geschichte wie bei uns. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es eine solche Vielfalt an heimischen Marken und Modellen wie in Deutschland“ wirbt vollmundig der VDA – Verband der Automobilindustrie für den Standort Deutschland und schreibt weiter: „Dabei haben alle diese Autobauer, so verschieden und individuell ihre Produkte sind, eines gemeinsam: „Sie alle setzen immer wieder neue Maßstäbe in Innovation, Qualität und Sicherheit„, womit natürlich deutsche Autobauer und nicht etwa japanische, chinesische, indische oder gar russische gemeint sind. In Zeiten der selbstverursachten Krise ist Nationalismus wieder angesagt. Noch ein bisschen versteckt, aber doch erscheint dieser „Dolz ein Stoitscher zu sein“ neben der natürlich nicht nationalistischen Forderung, Protektionsmus dürfe in diesen Zeiten keine Chance haben. Wohlgemerkt amerikanischer, japanischer oder wasauchimmer Protektionismus gegen deutsche Stolzprodukte. So lässt man nun auch, angesichts der verheerenden Zukunftsaussichten, die Mainstreampresse schlagzeilen, dass alles nicht so schlimm ist. Reuters meldet direkt von der Front die Durchhalteparole:
Autoindustrie spürt anziehende Nachfrage durch Abwrackprämie
„Die Pkw-Nachfrage hat mit dem Inkrafttreten der Umweltprämie und der erzielten Einigung bei der Kfz-Steuerreform deutlich angezogen„,
teilte der Branchenverband VDA am Dienstag mit. Zwar blieben die Bestellungen aus dem Inland im Januar insgesamt um 13 Prozent unter dem Wert vor Jahresfrist. In der vorletzten Woche des vergangenen Monats habe es aber eine „spürbare Trendumkehr“ bei den deutschen Herstellern gegeben. In der letzten Januarwoche erzielten die heimischen Autobauer gar einen Absatzzuwachs von 16 Prozent. „Dies sind erste ermutigende Signale“, erklärte VDA-Präsident Matthias Wissmann: „Sie lassen auf eine Stabilisierung des noch immer schwierigen Inlandsmarktes hoffen.“ [1] und auch nicht schlecht: „Die Deutschen lassen sich von der Verschrottungsprämie für Altautos in Scharen in die Autohäuser locken. “ [2] Ja und was Reuters meldet ist ja wohl wahr.
Die deutsche Automobilindustrie trauert nach Aussagen ihres Verbandes über die im Januar 2009 produzierten 314.000 Pkw, weil damit 34 Prozent weniger Fahrzeuge als im Vorjahr hergestellt wurden. Bei dieser Minimalproduktion ist der deutsche Markt nach 10 Jahren hoffnungslos überfüllt mit deutschen Fahrzeugen, abgesehen von der 20%igen Überproduktion im Moment und für ganz Europa laut EU-Industriekommissar Günter Verheugen. Wahrscheinlich wurde das Mindestalter der für die so genannte Abwrackprämie vorgesehenen Fahrzeuge aus diesem Grunde bei 9 Jahren engesetzt. Ja, die Abwrackprämie soll es nun herumreissen, das Luder, sorry Ruder. Man rechnet mit 600.000 Wracks – für mehr reicht das Geld nicht, aber mehr ist ja auch erst einmal nicht nötig zum Abbau der Überproduktion – zumindest bis März, und ab da, hofft man, ist die Krise vorbei. Dann aber schlagzeilte ein ehemaliges Nachrichtenmagazin gaaanz weit unten in seiner Onlineausgabe:
Nach dem Start der Abwrackprämie haben rund 2.000 Autokäufer einen Antrag auf Zahlung der Förderung von 2.500 Euro gestellt.[3]
Nanu? Nur 2000? Im Januar? Was ist denn da passiert? Schreibt man doch siegessicher von „ungebrochenem Interesse der Deutschen“, was ein wenig an die Erzählungen alter Kriegsveteranen klingt.
„50.000 Anrufe von interessierten Verbrauchern“ täglich, teilweise bis zu 270.000, welche von 20 Mitarbeitern und bald 40 Mitarbeitern bearbeitet werden. Nehmen wir den Januar als Berechnungsgrundlage, müssten bisher über eine Millionen Menschen dort angerufen haben. Die Krise schafft also Arbeit, weil nach der Personalaufstockung die besagten 20 Mitarbeiter nicht mehr 2.500 Gespräche am Tag, 312 in der Stunde, bzw. 5,2 in der Minute, ergo ein Gespräch in 11,5 Sekunden führen müssen, sondern nur noch 1.250. So können sie sich nach der 100%igen Aufstockung des Personals sage und schreibe 23 Sekunden Zeit pro Anrufer nehmen, um den Run auf die Abwrackprämie zu bewältigen. „Der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) rechnet damit, dass die deutschen Autohändler durch die Einführung der Abwrackprämie in diesem Jahr 200.000 Autos zusätzlich verkaufen“. Diese Zahlenakrobatik lässt den geneigten Leser schlussfolgern, dass die 600.000 Abwrackprämien erst in drei Jahren ausgezahlt sind. Damit würden pro Tag 548 Neuwagen verkauft werden. Ob das jedoch die Krise des deutschen Wracks beheben kann, ist mehr als fraglich.
Die Preisfrage ist also: „Wer will uns hier was und warum erzählen?“
Quellen:
[1] http://de.reuters.com/article/topNews/idDEBEE5120AX20090203
[2] http://de.reuters.com/article/topNews/idDEBEE5120EE20090203
[3] http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,605013,00.html
Das komische Nationalsymbol des Doitschen Audos ist im Original vom VDA, wurde aber des besseren Verständnisses wegen ein bisschen aufgemöbelt.


Ein Kommentar
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Quelle:
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,605597,00.html