Ein kostbarer Ausdruck edler Menschlichkeit ist die unbedenkliche Rede. Eine Rede, die nicht an die Folgen denkt, an die Schlinge, die man aus ihr drehen könnte.
Das ist nicht nur ein Zeugnis selbstverständlicher Arglosigkeit, es ist auch die Achtung vor der Redlichkeit des Anderen. Die unbedenkliche Rede ist so vollkommen aus unserer Zeit, aus der Klassengesellschaft entschwunden, dass wir nicht einmal wissen, dass wir nur noch bedenklich reden. Wir bedenken schon ganz unbewusst, ob wir dem Vorgesetzten, dem Kollegen, dem Lebenspartner, dem Nachbarn eine Handhabe geben, etwas in die Hand geben, was er gegen uns verwenden könnte.
Dass wir etwas sagen, was gegen die Etikette verstößt, gegen die Pietät, gegen die Sitte, gegen die Mode, gegen die geltende Moral und so weiter und sofort. Die unbedenkliche, die unbefangene Rede war aber einmal selbstverständlich. Als sie noch nicht den Gefährdungen der Klassengesellschaft ausgesetzt waren, als sie sich noch nicht in Acht nehmen mussten.
